Aktiv Zuhören

Veröffentlicht am Fr., 7. Jun. 2019 14:18 Uhr
Kirchenjahr/ Kirchenwissen

„Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“

Monatsspruch für Juli aus Jakobus 1,19

Liebe Leserin, lieber Leser,

die wichtigste Kompetenz in der Mediation, der Streitschlichtung, ist das „aktive Zuhören“, ein sehr genaues Hinhören und Spiegeln des Gesagten. Dabei achtet die Mediatorin oder der Mediator auf die Gefühle, die dem Gesagten zugrunde liegen und die noch tiefer liegenden Bedürfnisse. Diese werden nicht einfach wiedergegeben, sondern „weich“ gespiegelt. Diese empathisch erfasste Ebene gilt es zu betonen. Es erstaunt mich immer wieder, was diese simple Methode bewegen kann. Es kommt oft zu einem Aha-Moment. Die Streitenden spüren die Gefühle und Bedürfnisse der jeweils anderen Person, die sie im Konflikt verletzt oder missachtet haben. So gelangen sie zu einem tieferen Verständnis füreinander und zu einer Einigung. Aktives Zuhören ist nicht leicht, es will gelernt und geübt werden. Die hohe Aufmerksamkeit für das Gegenüber braucht viel Konzentration. Und doch erkenne ich darin eine Fähigkeit, die es sich nicht nur für professionelle Mediatorinnen und Mediatoren zu üben lohnt. Wenn ich meinem Gegenüber aktiv zuhöre, erhalten auch Alltagsbegegnungen und persönliche Freundschaften eine neue Tiefe. Ich erfahre wirklich, was die andere Person bewegt. Ich schaue hinter die Fassade, es entsteht eine echte Nähe. Andersherum tut es gut, wenn mir jemand aktiv zuhört, sich mir ganz zuwendet und Raum da ist für die tieferliegenden Dinge, die mich bewegen.

Eine Filmszene hat sich mir eingeprägt. Es geht um zwei Freundinnen. Eine betritt den Raum. Sie beschimpft ihre Freundin auf das heftigste. Diese schaut sie nur still an. Nach einer Weile steht sie auf. Sie nimmt ihre aufgelöste Freundin an der Hand und nimmt sie fest in die Arme. Plötzlich bricht die schimpfende Freundin schluchzend zusammen, klammert sich an sie und lässt sich von ihr trösten. Mich hat dieser Ausgang damals völlig überrascht – und auch beeindruckt. Die Freundin ist schnell zum Hören. Sie hört aktiv zu. Sie hört nicht nur die Beschimpfungen, sondern die Not, die unerfüllten Bedürfnisse dahinter. Sie nimmt es nicht persönlich. Sie wird nicht wütend, sie schreit nicht zurück. Sie erkennt, was ihre Freundin gerade wirklich braucht und reagiert entsprechend. Sie ist langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen unter Einsamkeit leiden, in der es oft nicht gelingt, dauerhaft gute und tiefe Beziehungen zu erhalten. Vielen kann nicht so leicht abgeholfen werden. Doch ein guter Schritt könnte sein, dass wir uns im aktiven Zuhören üben, schneller zum Hören sind als zum Reden und zum Zorn. Das könnte uns helfen, uns mehr auf andere zu konzentrieren als auf uns selbst, einander besser zu verstehen und manche Konflikte zu vermeiden. Reden ist dann weniger Selbstdarstellung und mehr echte Begegnung miteinander. Und das tut wiederum unseren Seelen gut. Gott ist der Inbegriff dieses „aktiven Zuhörers“. Ich finde ein offenes Ohr für meine Gedanken und Sorgen. Seine Zusage, dass er versteht, was ich selbst kaum in Worte fassen kann oder noch gar nicht bewusst wahrnehme, tröstet mich. Vielleicht reagiert er deshalb manchmal überraschend, auch für mich. Ich wünsche Ihnen in diesem Sinn erfrischende Sommertage mit guten Zuhörenden und tiefen Begegnungen.

Ihre Pfarrerin Ramona Rohnstock

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