Pfarrerin Ramona Rohnstock: Zur Jahreslosung 2020

Veröffentlicht am Di., 31. Dez. 2019 00:00 Uhr
Kirchenjahr/ Kirchenwissen

Von Pfarrerin Ramona RohnstockVon Pfarrerin Ramona Rohnstock Mit dem Vertrauen ist das so eine Sache. Es ist ungemein kostbar. Es ist wie der Klebstoff, der uns zusammen­hält; die Grundlage für jede gut funktionierende Beziehung; das, was uns glücklich macht. Eine Gesellschaft, in der niemand mehr dem anderen vertraut, ist vergiftet. Und wer kein Vertrauen mehr aufbauen kann, wird bitter und einsam.

Vertrauen hält uns zusammen. Und doch ist es verletzlich. Das liegt in der Natur der Sache. Denn wir machen uns verletzlich, wenn wir einander vertrauen. Wir geben etwas von uns selbst aus der Hand. Geht jemand liebevoll und wertschätzend mit dem Anvertrauen um, stellt das eine Verbindung her. Bricht aber jemand unser Vertrauen, ist es nicht leicht wiederaufzubauen, manchmal nicht nur zu der Person, die unser Vertrauen missbraucht hat. Werden wir zu oft enttäuscht, fällt es uns schwer, überhaupt jemandem wieder zu vertrauen.

Mit Gott ist das nicht anders. Vielleicht sogar noch schwieriger, denn es bedeutet, zuerst überhaupt auf seine Existenz und dann auf ihn zu vertrauen, zu glauben. Zu glauben bleibt eine lebenslange Herausforderung, auch für mich als Pfarrerin. Es gibt immer wieder Zweifel, die mich packen und mich aus der Bahn werfen. Es gibt Tage, an denen mir mein Glaube wackelig und viel zu klein erscheint.

Manchmal, wenn ich mit Menschen spreche, die in einer schweren Krise sind, bitten sie mich, für sie zu beten. Ich spüre oft ihre Sehnsucht danach, glauben zu können. „Ich möchte gerne glauben, aber da sind so viele Zweifel. Ich habe schon zu oft erlebt, dass meine verzweifelten Bitten nicht gehört wurden. Mir ist schon zu viel Schlimmes passiert.“ Einerseits das, andererseits jedoch, als kleiner Glaubensfaden, ihre Bitte, für sie zu beten.

Um diesen inneren Streit geht es in der Jahreslosung:

Ein verzweifelter Vater versucht seinem epilepsiekranken Kind zu helfen. Er hat schon alles probiert. Nichts hat geholfen. Nun ist er bei Jesu Jüngern angelangt. Doch auch sie sind gescheitert. Da kommt Jesus dazu. Er erkundigt sich nach dem Jungen. Der Vater hat nicht mehr viel Hoffnung. „Hilf uns, wenn du kannst.“

„Du sagst: Wenn du kannst.“, antwortet Jesus. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Der Vater hört: Er kann meinen Sohn nur heilen, wenn ich ihm genug glaube. Aber ich bin doch so voller Zweifel. Und doch ist dieser Jesus die letzte Chance für meinen Sohn. Also muss ich ihm doch vertrauen. Ich muss es wollen. Und er schreit: „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Und Jesus heilt seinen Sohn.

Ich glaube, dass der Vater Jesus falsch verstanden hat. Als Jesus sagte: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ meinte er nicht den Glauben des Vaters. Er meinte seinen eigenen Glauben. Wie ein tröstendes: „Keine Sorge, ich kann es. Mein Vertrauen in Gott ist groß genug.“

Der Glaube des Vaters hingegen ist erleichternd menschlich. Wie meiner so oft ist. Voller Zweifel. Hin- und hergerissen zwischen Zutrauen und Misstrauen. Ein Teil in ihm will ja glauben. Ein Teil in ihm kann es nicht. Und dieser innere Kampf bricht sich in dem paradoxen Schrei Bahn. „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben.“

Es geht nicht darum, dass wir nur „genug glauben“ müssen. Dass die Menge an Glauben, die Größe unseres Gottvertrauens, irgendwie eine Leistung ist, die wir ihm gegenüber erbringen müssen, damit er uns hilft. Gewissermaßen der protestantische Ersatz für die guten Werke. Im Gegenteil: Selbst der zerrissene, zweifelnde Schrei eines Mannes, der eigentlich nicht mehr glauben kann, aber es mit irgendeiner dünnen Faser seines Selbst doch noch will, war für Jesus genug.

Was zählt, ist nicht der Glaube des Menschen, sondern Jesus. Und dass ihm nichts unmöglich ist.

Ihre Pfarrerin Ramona Rohnstock

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