Friedensjagd

Von Pfarrerin Ramona Rohnstock

Mit der Von Pfarrerin Ramona RohnstockJagd kenne ich mich nicht besonders gut aus. Aber damit, entlaufene Kaninchen wieder einzufangen – eine wiederkehrende Kindheitserfahrung, die ich als Inhaberin zahlreicher freiheitsliebender Exemplare gemacht habe. Eines habe ich dabei gelernt: Mit Gewalt wird das nichts. Es braucht große Aufmerksamkeit und viel, viel Geduld. Erst mal muss man das Tierchen finden, leise durch den eigenen und Nachbars Gärten schleichen und aufmerksam auf jedes Geräusch, jede Bewegung achten. Wenn man dann tatsächlich den Flüchtigen geortet hat, gilt es sich langsam und ganz, ganz vorsichtig heranzuschleichen. Wenn das Karnickel Angst bekommt, ist es vorbei. Das musste ich in wilden Hetzjagden durch Büsche und Beete lernen. Vertrauensbildende Maßnahmen, wie es langsam und ausdauernd mit einer leckenden Möhre aus der Deckung zu locken, sind wesentlich erfolgsversprechender.

Suche den Frieden und jage ihm nach! So lautet die Jahreslosung für 2019. „Frieden“ – gerade haben wir uns auf der Gemeindekirchenratsklausur mit der Bedeutung dieses Wortes beschäftigt. Hebräisch steht hier „Schalom“ und dieses Wort bedeutet weit mehr als unser „Frieden“. Es bedeutet ein umfassendes Heil-Werden der Welt. Körperliche und seelische Gesundheit des Einzelnen. Heile Beziehungen untereinander, zu Gott und zur Welt. Ein solcher umfassender „Schalom“ ist Gottes erklärtes Ziel mit der Welt.

Nun ist die Weihnachtszeit eine Zeit, in der von außen der Anspruch von Schalom oft an uns herangetragen wird. Das Idealbild einer harmonischen Familienfeier wird heraufbeschworen, bei der alle glücklich und friedlich beieinandersitzen. Und vor dieser Folie werden wir oft umso stärker darauf gestoßen, wo der Schalom bei uns fehlt. Am Weihnachtsabend ist die Lücke, die der verstorbene Partner hinterlassen hat, besonders groß. Das Leben als Kind getrennter Eltern zerreißt einen mehr als sonst. Das Alleinsein wiegt schwerer als normalerweise. Und unsere Aufmerksamkeit richtet sich vermehrt auf die zahllosen Kontexte dieser Welt, in denen Not, Ungerechtigkeit und Unfrieden herrschen.

In dieser Zeit stelle ich meine Krippe auf und lege Jesus hinein. Ich erinnere mich, dass er unter einer unterdrückenden Besatzungsmacht geboren wurde. Dass seine Eltern ihn deswegen fern von Zuhause zur Welt bringen mussten und dass er wenig später zum Flüchtling wurde. Er hat das Fehlen des Schaloms selbst erlebt und erlitten. Und gleichzeitig verbindet sich mit ihm die Hoffnung auf eben diesen. „Heiland“ wird er genannt und „Friedensfürst“.  Später lebt er diese Titel. Er macht Menschen an Leib und Seele gesund. Er führt Ausgestoßene und Außenseiter zurück in die Gesellschaft. Er fordert uns heraus, unangenehmen Wahrheiten ins Auge zu sehen.  Er lebt uns vor, wie Gott über uns denkt und schafft Versöhnung und Gemeinschaft mit ihm. Wo er hinkommt, bringt er Schalom.

Und das ist auch unsere Berufung als seine Nachfolger. Wir sind gerufen, Gottes Ziel mit dieser Welt voranzubringen, jeden Tag ein bisschen mehr Schalom hineinzutragen. Suche den Schalom und jage ihm nach!

Dass das einiges an Aktivität und Einsatz erfordert, macht schon die Wortwahl klar. Frieden muss gesucht und gejagt werden. Er entsteht nicht durch Passivität und Abwarten.  Schnell und oft unbeabsichtigt nimmt unsere Seele schaden, aber es braucht Durchhaltevermögen, Willenskraft und langwierige Heilungsprozesse, um diese Verletzungen wieder zu heilen. Schnell und oft unbeabsichtigt entsteht ein schwerer Streit, aber es braucht harte Versöhnungsarbeit, viel Zeit und lange Gespräche, um verlorenes Vertrauen wiederherzustellen. Schnell und leicht ist es, an den komplexen Prozessen, die unserer Welt und anderen Menschen Schaden zufügen, teilzuhaben und es macht viel Mühe, gegen gesellschaftliches Unrecht zu kämpfen. Der Weg zum Unfrieden geht bergab, der Weg zum Frieden bergauf. Ersterer ist leichter und schneller zu beschreiten.

Ich denke noch mal an meine Suche nach dem Kaninchen zu Beginn. Es war nicht leicht zu finden und einzufangen. Es brauchte Aufmerksamkeit, Beharrlichkeit, Vertrauensbildung und viel Geduld. Das ist auch nötig, wenn wir den Schalom in dieser Welt voranbringen wollen.

Und es gelingt! Auch wenn uns zur Weihnachtszeit vielleicht besonders die Stellen vor Augen stehen, an denen er noch fehlt, gibt es doch unzählige Orte, an denen Schalom entsteht. Und sie sind auch an Weihnachten vermehrt zu finden. Ich erinnere mich an mein Weihnachten letztes Jahr, als ich mich andere Menschen mit Schalom beschenkten. Ich denke an die Leute, die mich mit in ihre Familie hineinannahmen. Ich denke an meine Krippenspielkinder, die mit solcher Inbrunst hinter mir das Vaterunser beteten, dass ich mich selbst nicht mehr hörte. Ich denke an die Freude, mit so vielen anderen meinen neugeborenen Friedensfürst zu feiern zu können.  Und ich denke: Mehr davon. Es lohnt sich ihn zu suchen und ihm nachzujagen – dem Frieden und seinem Fürsten.

In diesem Sinne grüße ich Sie mit dem alten kirchlichen Gruß: Friede sei mit dir!

Ihre Ramona Rohnstock